woche zwei als #nachtschreiberin – #Der Mann im Mond I

Foto: (c) evenliu photomanipulation – digital artwork

In seinem Leben passierte alles nach Plan und nichts überraschend. Umso überraschter war er auch, als ihm der Mond und die Laterne des Mannes im Mond eines Nachts im Wald mitten vor die Füße stürzte. Völlig unangekündigt und ohne Vorwarnung schlug der Mond vor ihm auf und das Einzige, was er denken konnte, war: „Wieso ist die Laterne vom Mann im Mond durch diesen Aufprall nicht beschädigt worden?“
Er war mit seinem Hund die übliche und zweite Abendrunde durch den Wald am Stadtrand gegangen, als er ein leises Surren hörte, das immer näherkam. Sein kleiner Hund blieb stehen, bellte laut und sprang ihm dann zitternd auf den Arm und verschwand fast in seiner Jacke. Er selbst duckte sich, auch wenn er nachher nicht mehr sagen konnte, warum er das getan hatte.
Mit einem kaum wahrnehmbaren Geräusch traf der Mond auf dem weichen Waldboden auf. Ein bisschen wirkte es auf ihn, als hätte der Waldboden den Mond ganz sanft aufgefangen, damit ihm nichts passierte. Irgendwie in einer moosbewachsenen Umarmung gehalten. Das rührte ihn am meisten. Und noch mehr verwunderte ihn die Laterne, die leuchtend neben dem Mond lag. Nur umgekippt war sie.
Er streckte schon die Hand aus, um sie aufzustellen, – alles, was nicht an seinem Platz stand, musste er immer und immer wieder zurechtrücken, – als er kurz innehielt und sich fragte, ob er das überhaupt tun durfte. Schließlich war es nicht seine Lampe, sie gehörte dem Mann im Mond und der war offensichtlich nicht mit abgestürzt vom Nachthimmel.
Sein Hund beruhigte sich wieder und sprang schwanzwedelnd von seinem Arm und ging auf die Lampe zu, schnüffelte an ihr und dem Mond und legte sich dann vorsichtig vor den Mond, so, als wolle er jetzt hierbleiben und die Nacht dort verbringen.
Er war sehr durcheinander und verwirrt, er hätte schon längst wieder zuhause sein müssen, um ausreichend Schlaf für den nächsten anstrengenden Tag zu bekommen.
Durcheinandergeratene Zeitpläne brachten ihn selbst ganz durcheinander und er fragte sich, ob es dem Mond wohl auch so ging, ob er auch so durcheinander war wie er und ob seine Anwesenheit hier im Wald nicht auch hier alles durcheinanderbringen und ob seine Nichtanwesenheit am Nachthimmel nicht auch den durcheinanderbringen würde. Und als er noch so dastand und vor lauter durcheinanderdenken gar nicht mehr denken konnte, legte ihm jemand die Hand auf die Schulter und sagte leise: „Keine Sorge, ich bringe das wieder in Ordnung, wie immer!“
Und da stand er, der Mann im Mond und lachte verschmitzt, nahm seine Laterne in die Hand und strich mit der anderen Hand zärtlich über den Mond, der, so schien es ihm tief durchatmete und heller leuchtete.
„Wir müssen!“, sagte der Mann im Mond und er hatte den letzten Buchstaben noch nicht einmal ausgesprochen, da war er verschwunden: Der Mann im Mond und der Mond. Sein Hund bellte wieder wie verrückt, vor Schreck, vor Angst oder vor Frust, weil sie ihn nicht mitgenommen hatten, bleibt ungeklärt.
Als er in den Himmel blickte, sah er ihn, den Mond und er glaubte ganz kurz, nur für einen winzigen Moment, den Mann im Mond und seine Laterne zu sehen.
Seit dieser Nacht sitzt er jede Nacht auf der Bank am Waldweg und schaut in den Nachthimmel, denn sollte der Mond noch einmal auf den Waldweg stürzen, dann wäre er vorbereitet, einen Plan hatte er schon.