Der Mann im Mond IV

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IV. Im ersten Moment blieb er einfach regungslos da auf der Bank sitzen und starrte auf den, auf den er so lange und so unbändig gewartet hatte. Gewartet. Nächtelang. Alles im Tag zurückgelassen. Tagsüber alles verloren, um in der Nacht diesen einen Moment zu gewinnen und erleben zu dürfen.
Er hatte zu schreiben begonnen.
Er, der von sich glaubte, nicht schreiben zu können, begann zu schreiben.
Er, der von sich glaubte, nicht ohne seinen Job sein zu können, hörte damit auf. Er, der von sich glaubte, nicht warten zu können, begann zu warten.
Eine Nacht. Zwei. Drei. Einen Monat. Zwei Drei. Ein halbes Jahr. Und heute endlich war es soweit.
„Ich habe deinen Text gelesen, den über Godot und das Warten. Er hat mir gefallen!“, sagte der Mann im Mond, als er hinter ihn trat und ihn sanft an der Schulter berührte, damit er nicht erschreckte.
„Du bist aber nicht wegen meines Textes zurückgekommen, oder?“, fragte er und schaute ihn an.
„Ja und nein!“, antwortete der Mann im Mond vage, nach dem er seinen Text leise und auswendig vor sich hin geflüstert hatte. „Er erinnert mich an jemanden.“



Er stellte die umgestürzte Laterne wieder auf und setzte sich neben ihn auf die Bank. „Dein Text erinnert mich an jemanden, den, die ich mal gut gekannt habe.“ Sein Seufzen ließ das Licht der Laterne flackern.
„So beginnen Männer ihre Gespräche in der Kneipe, wenn sie gerade Liebeskummer haben, deshalb gehe ich nie in eine Kneipe. Außerdem mag ich kein Bier, das gezapft wird. Aber du, der Mann im Mond, du kennst solche …“ Er stockte kurz und suchte nach den Worten, die hier in der Nacht in einer so unvorstellbar großen Anzahl vorhanden waren. „…banalen menschlichen Gefühle?“
„Die Liebe als ein banales menschliches Gefühl zu bezeichnen, das ist menschlicher als alles andere, was ich bisher in meinem Leben gehört habe. Hast du noch nie mit jeder Faser deines Körpers und deiner Seele geliebt?“ Der Mann im Mond dimmte das Licht etwas, weil er wusste, dass Menschen im Dunkeln das Reden leichter fällt und der Mond verdunkelte sich im Gleichklang.
„Wie machst du das?“, fragte er und lenkte von der Frage ab, auf die er keine Antwort geben wollte, denn seine Antwort kannte er und sie erschreckte ihn, auch wenn er sie nur in Gedanken gab.
„Für jede ehrliche Antwort gebe ich dir sehr bald eine Antwort auf eine deiner Fragen.“ Der Mann im Mond stand auf.
„Du gehst schon wieder? Aber, aber du bist doch erst gerade gekommen!“, rief er panisch und sprang auf.
Sein Aufspringen von der Bank und das Verschwinden des Monds und der Laterne waren gleichzeitig geschehen, im Bruchteil eines Moments.
Er blieb zurück, in der auf ihn einstürzenden Dunkelheit, mit all seinen Fragen und ersten Antworten, die kein Gegenüber fanden. Er setzte sich wieder auf die Bank und strich mit seinen zitternden Händen über das raue Holz der Sitzoberfläche. Er kannte jede Stelle und mit jedem weiteren Fühlen und Wiedererkennen wurden seine Hände ruhiger. Sein Herzschlag beruhigte sich. Er fühlte den Sternenhimmel da auf der Bank nach und als er seine Lieblingssterne gefunden hatte, öffnete er langsam die Augen. Er nahm die Thermoskanne und die Butterbrotdose aus der Tasche, schenkte sich eine heiße, schwarze Tasse Kaffee ein, sog den Geruch, der durch die Dunkelheit der Nacht verstärkt wurde, gierig in sich ein und nahm ein Käsebrot aus der Dose. Der vertraute Geschmack von Kaffee schwarz, Käse mild und Nacht dunkel beruhigte ihn.

Heute Nacht mehr …:-)