Wie erinnern wir uns?

Bild: Tanja Graumann

Eine kleine Notiz im IKZ von gestern. Heute, Sonntag, auf den Tag genau, ein Jahr ist es her, dass ein 30jähriger Mann aus Ghana im Seilersee verunglückte und ertrank, weil er, ohne Rücksicht auf sein Nicht-Schwimmen-Können einen Jungen retten wollte, der beim Tretbootfahren ins Wasser gefallen war.
Bis hierher. Heute. Sonntagnachmittag. 17:00 Uhr. Die Parkplätze am Seilersee sind rappelvoll. Sonntägliche Fußballspiele und Spaziergänger um den Seilersee. Ausgelassene Sonntagsstimmung geht um den Seilersee spazieren. Ich gehe am Kiosk vorbei ein paar Meter weiter. Aus dem fröhlichen Gelb wird ein stilles Grau, ganz fein, kaum zu spüren und doch spüre ich es bei den wenigen Menschen, die hier stehen. Wenige Menschen, denke ich und schaue mich nochmal um. Bis viertel nach fünf bleiben wir wenige.
Ich stehe da und denke nur, wie wenige Menschen sich heute noch erinnern wollen oder erinnern können. Und das vielleicht nicht hier, sondern ganz woanders und auf ihre Weise tun. Aus Teelichtern wird ein Herz gelegt, das etwas Phantasie braucht, um als solches erkannt zu werden. Ein kleiner Junge rennt mitten hindurch. Die ersten Kerzen gehen aus. Tod und Leben ganz eng miteinander. Drumherum die neugierig hin- oder mehr vorbeischauenden Sonntagsspaziergänger.
Irgendwie unsagbar bizarr.
Der Bruder des Verstorbenen hält eine kleine Rede, nachdem Frau Olbrich für die Iserlohner Flüchtlingshilfe ein Gedicht vorgelesen hat, dessen Zeilen, auch wenn ich sie nach dem letzten Satz längst wieder vergessen habe, mich sehr berührt haben. So ist das mit Worten … Der Bruder spricht ein Gebet und der 13jährige Sohn des Verstorbenen ist per Whatsapp mit dabei. Auf dem See wird dann per Tretboot ein Kranz für den Verstorbenen aufs Wasser gelegt.
Ich stehe mittendrin in echter, spürbarer Trauer einer kleinen Schar von Menschen, denen er, jeder und jedem auf seine und ihre Weise, etwas bedeutet hat. Inmitten einer alltäglichen und vor allen Dingen sonntäglichen Idylle. Beide Szenen kontrastieren sehr stark miteinander, ähnlich einer Kippfigur, in dem man/frau entweder nur die junge oder die alte Frau erkennen kann, dass ich in keinem Moment wirklich weiß, in welchen Bild und welchem Gefühl ich gerade bin.
Mir fehlt da in diesem Moment etwas mich etwas ganz Entscheidendes, aber ich bin hier kein Maßstab.
Ich springe über meinen unsichern, ängstlichen Schatten und überreiche dem Bruder meinen Text vom letzten Jahr.
„A present for you from last year.“
„Thank you, very much!“, sagt er leise.
Seinen eiskalten Händedruck werde ich so schnell nicht vergessen, deshalb gehe ich auch sehr schnell wieder zurück in die Sonne, doch die hat für den Moment ihre Kraft verloren.

3 Gedanken zu „Wie erinnern wir uns?

  1. Ulrike

    Liebe Mia,

    ich kann die Widersprüchlichkeit der Situation und der Gefühle in dieser Situation gut nachempfinden – die Trauer und die Andacht der Angehörigen und Gedenkenden einerseits, andererseits das unwissende (oder teils neugierig-befangene), fröhliche Treiben am Seeufer von Menschen, denen der Tod dieses Menschen nichts bedeutet.
    Es macht mich nachdenklich, was von einem Menschenleben bleibt, wenn es auf dieser Erde vergangen ist.
    Danke für deinen tiefgängigen Text.

    Liebe Grüße
    Ulrike

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  2. Urs Küenzi

    Liebe Mia

    Da ist dieser Klotz in Hals. Du schreibst berührend und beweg(s)t. Wie schrecklich, hier zu ertrinken, nach wahrscheinlich lebensgefährlicher Bootsfahrt übers Mittelmeer. Du trägst mit Deinem Text ein Stück dazu bei, dass die Erinnerung an den Ertrunkenen wach bleibt.
    Liebe Grüße, Urs

    PS: Trotzdem ein Lesetipp: Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck.

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    1. sabine Beitragsautor

      Lieber Urs,
      danke dir für deine Worte …
      Wenn Wörter uns halten …
      Liebe Grüße,
      Mia
      P.s.: Ja, das Buch kenne ich.

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