Wenn Geschichten Geschichte sind …

Foto: Graffitikünstler Toni de Lorenzo

Ottes Ausraster war nicht der einzige in dieser Woche. Die gab es auch von anderen immer mal, wenn jemand zu viel getrunken oder was anderes eingeworfen hatte und Randale machte. Und da gab es klare Regeln für meinen Kiosk. Wer Stress machte, flog sofort raus. Hausverbot war die nächste Steigerung. Die Polizei rufen, ist meine allerletzte Runde vor dem Knockout, das musste ich bisher noch nie. Solange mich die Leute in Ruhe lassen und sich in meinem Kiosk benehmen, tue ich das auch.
Es braute sich seit Tagen was zusammen in unserem Stadtteil. Ganz in der Nähe gab es ein ehemaliges Fabrikgebäude, in dem u.a. und seit mehr als dreißig Jahren eine niederschwellige Suchtberatung mit tagesstrukturierenden Angeboten untergebracht war. Eine Institution hier in der Stadt und Anlaufstelle für viele, denen es ziemlich dreckig ging.
Es ging um Brandschutzvorschriften, denen der Eigentümer wohl nicht nachkam. Jetzt hatte die Stadt eine Deadline gesetzt und die Menschen, die dort lebten vorsorglich und für drei Monate in andere Wohnungen in der Nähe ausquartiert. Bis heute kannte ich nicht alle, die dort lebten.

In diesem Moment kam Otte mit einem verdammt großen Kater in meinen Kiosk.
„Na, deinen Rausch von gestern ausgeschlafen?“, fragte ich.
„Jo, Mann. Hast’e Kaffee da?“, fragte er und ich dachte, ich hörte nicht recht. Otte stellte einen großen Rucksack neben der Theke ab.
„Kaffee! Dieses starke, schwarze Gesöff von meiner Filterkaffeemaschine, von der du mal gesagt hast, die käme aus dem Museum, d e n Kaffee?“ Das konnte ich mir nicht verkneifen.
„Ja, d e n!“, sagte Otte und versuchte ein Grinsen.
Ich reichte Otte eine Tasse über die Theke. Er legte mir den Euro in drei 20ern und vier 10ern rüber. Seine Hand zitterte stark. Heute war wieder ein Tag, den er versuchte mit Kaffee zu starten, das war hart und das hatte ich schon oft erlebt. Zumeist war mittags der Drang zum Alkohol zu stark. Mehrmals war er schon zum Entzug weg.
„Hier, wir haben noch Brötchen, wenn du magst!“, sagte ich und zeigte auf den mit einem Tortendeckel geschützten Teller, auf dem geschmierte Käse- und Salamibrötchen lagen, die ich immer von der Bäckerei bekam, wenn die Brötchen überhatten. „Danke!“, sagte Otte und nahm ein halbes Käsebrötchen mit an Rolands Tisch in die Ecke. Weder trank er den Kaffee, noch aß er das Brötchen. Er blieb einfach dasitzen und starrte aus dem Fenster. Drei Kunden und den Getränkelieferanten später immer noch. „Sitz der Spinner hier immer?“, fragte er auf einmal. „Wenn du Roland meinst, dann ist das da sein Platz! Deiner nur, wenn du dich benimmst, also Vorsicht bei der Wortwahl!“ „Ja, ja, ist ja nicht so gemeint.“, sagte Otte leise. „Es ist nur. Es ist nur …“ Mehr sagte er nicht. Ich schaute ihn an. Irgendetwas ging ihm total an die Nieren. „Du willst dich entschuldigen und weißt nicht wie?“, bohrte ich wenig einfühlsam nach. „Nee, äh ja, habe ich schon. Hat mir dann ein Bild geschenkt, hier!“ Er holte ein zerknittertes Bild aus seiner Hosentasche, legte es auf den Tisch und strich es glatt. Es zeigte ein verdammt gelungenes Portrait von ihm vor der alten Fabrik. Es sah gut aus und war eine für Roland so typische Schwarzweißzeichnung. „Ich musste heute da raus!“, sagte er dann und seine Augen glänzten. „Du hast da auch gewohnt?“, fragte ich überrascht. „Ja, hab‘ mich abgeschossen, verstehst‘ e?“ Ich nickte wortlos und sagte: „Nee!“ Es gab keine Worte, die ihn hätten trösten können, genauso wenig wie das eine Entschuldigung war für seinen Ausraster gegenüber Roland und Scrabbie. „Wo bist du jetzt unter?“, fragte ich in die Stille hinein. „Hier um die Ecke. Ist o.k. die Wohnung, größer und schöner, aber …“ Wieder stockte er und trank mit zittrigen Händen seinen Kaffee. Er stellte die Tasse auf den Tisch, Kaffee schwappte heraus und hinterließ einen hässlichen Fleck auf der Zeichnung. Er wischte ihn mit dem Ärmel weg und verschmierte es nur noch mehr. „Scheiße!“, fluchte er. Ich setzte mich mit einer Tasse Kaffee neben ihn und hielt die Stille mit ihm aus. Das konnte ich gut, die meisten, die hier saßen, begannen ihre Sätze und beendeten sie nicht. Das war auch nicht nötig. „Wenn die Zeit reif ist, werden die Geschichten an die Oberfläche kommen. Du musst nur einen Pott lang Kaffee trinken.“ Das hat mein Opa Josef immer gesagt, von dem habe ich den Kiosk damals übernommen, weil mein Vater längst abgehauen war, als ich geboren wurde. Und er hatte recht, wie so oft, mein Opa Josef. Ich vermisste ihn, gerade jetzt wieder und bei jeder Tasse Kaffee von seiner ollen Kaffeemaschine. „Ich war einer der Letzten, der bei dem Alten in der Firma gearbeitet hat und da bin ich nach der Kündigung unter. Ohne die Wohnung in der Fabrik wäre ich auf der Straße gelandet!“ Otte schaute die ganze Zeit starr auf das abgerissene Haus auf der anderen Straßenseite. „Und jetzt, wir sehen doch alle so abgewrackt aus, oder?“, fragte Otte. Ich folgte seinem Blick. „Ja, vielleicht, aber es gibt noch welche, die können uns noch anders sehen!“ Ich zeigte auf das Blatt Papier von Roland.

Ein Gedanke zu „Wenn Geschichten Geschichte sind …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.