Roland trifft Venedig

Was wäre, wenn Roland nach Venedig reisen würde und was müsste in der Geschichte davor passieren, damit er das tut. Aber, ich will nicht vorgreifen, lest selbst:
Scrabbie war pünktlich in Venedig gelandet. 12:20 Uhr, von Düsseldorf. Das hatte Roland beruhigt, der mittlerweile nicht mehr die Flugnummer EW 9810, den Flugzeugtypen und die Start- und Landezeiten vor sich hinmurmelte. Über den Alpen war er ruhiger geworden. Roland hatte die Kopfhörer aufgesetzt und sich vermutlich zum x-ten Mal den Anfang der Herr der Diebe von Cornelia Funke angehört:
„Es war Herbst in der Stadt des Mondes, als Victor zum ersten Mal von Prosper und Bo hörte. Die Sonne spiegelte sich in den Kanälen und überzog die alten Mauern mit Gold, aber der Wind blies eisig vom Meer herüber, als wollte er die Menschen daran erinnern, dass der Winter kam. In den Gassen schmeckte die Luft plötzlich nach Schnee, und die Herbstsonne wärmte nur den Engeln und Drachen hoch oben auf den Dächern die steinernen Flügel.“
Scrabbie bekam den 2. Kopfhörer. Das tat er nur bei ihr. Sie saßen im Vaporetto nebeneinander, Roland am Gang. Er war viel zu früh aufgestanden.
Er war vom Bootsführer streng ermahnt worden, wieder nach unten zu gehen, was Roland getan hatte. Roland war die drei Stufen, an den vielen Koffern der Touristen vorbei, wieder heruntergegangen, hatte sich neben Scrabbie gesetzt, war wieder aufgestanden, die Treppe hinaufgegangen. Das ärgerliche „Attenzione!“ des Bootsführers hatte ihn wieder umdrehen lassen. Das wiederholte sich von Certosa bis Arsenale fünfmal.
Roland wurde immer nervöser. Er nestelte an seinem Jackett, wenn er saß, holte den gefalteten Fahrplan der Alilaguna heraus, verfolgte die gezeichnete Fahrtroute mit dem Finger nach, faltete den Plan wieder und steckte ihn ein. Dabei murmelte er die Ankunftszeiten leise vor sich hin. Als Scrabbie die Hand nach ihm ausstreckte, zuckte Roland zusammen. Scrabbie nahm sofort ihre Hand von seinem Arm.
„Tschuldigung!“, murmelte sie und sah hinaus. Arsenale, endlich waren sie da. Hatte sie richtig gehandelt, Roland diesem Stress auszusetzen und hierher mitzunehmen? Vielleicht würde Konstanzes Notar das Rätsel aufklären und all das wettmachen und erklären können.
Scrabbie atmete tief durch und verließ das schwankende Vaporetto und stand nach ein paar Schritten auf der festen Kaimauer. Roland stand schon an der Laterne.
[…]

„1567. 1568. 1569.“
Scrabbie saß im Café in der Via Garibaldi und sah wie Roland auf der anderen Straßenseite auf die Zahlen an den Häuserwänden zeigte, kurz stehenblieb, sie vor sich hinmurmelte, – sie sah, wie sich seine Lippen bewegten, – und weiterging bis zum nächsten Hauseingang.
Er hatte Scrabbie noch nicht gesehen. Sie steckte sich eine Zigarette, trank einen Schluck Espresso und schloss kurz die Augen. Ja, sie begann die Reise und die Freiheit in diesen kurzen Momenten allein zu genießen, auch wenn sie noch immer nicht begreifen konnte, dass ihr Konstanze dieses unglaubliche Geschenk gemacht hatte, dass ihr, laut Notar, aber erst mit 18 Jahren gehören würde. Dieses winzige Apartment im ersten Haus der Via Garibaldi, mit Blick auf den Kanal und beschützt von zwei Löwen auf dem kleinen Balkon. Sie war gerade mal 15, hatte noch keinen Führerschein, keinen Schulabschluss und besaß schon ein Apartment in Venedig. Krass!
„Deine Tasse steht falsch!“, sagte eine Stimme neben ihr.
„Heute ist Samstag, da stehen die Tassen genau richtig!“ Scrabbie öffnete die Augen und schaute Roland an, der vor ihr stand. „Möchtest du dich setzen?“, fragte sie, wohlwissend, dass er das nicht tun würde.
„Nein, die Stühle sind zwei Zentimeter zu hoch und der Tisch wackelt. Ich gehe nochmal weiter.“ Roland schob ihre Espressotasse zurecht und ging nach links, auf der gegenüberliegenden Seite des Gemüseschiffes entlang des kleinen Kanals, vorbei zur Brücke. 11 Stufen hinauf. 11 Stufen hinunter.
Scrabbie machte ihre Zigaretten aus, trank den letzten und schon kalten Schluck Espresso aus, bezahlte und ging durch den Park in die Sonne an den Kanal.
Roland würde sie finden, selbst hier in Venedig. Ein Venedig, das ihn mit seinen engen Gassen, vielen Menschen, anderen Geräuschen, Gerüchen und Farben immer noch Angst machte, als dass er das Andere es genießen konnte. Vielleicht würde Roland das vermeintlich Andere niemals genießen können, weil er sich nicht an Gewohntem festhalten konnte. Geborgenheit fiel Scrabbie gerade ein.
Roland und Venedig waren wie Italien ohne gutes Essen. Scrabbie stand auf genau das, weil sie Konstanze hier überall sehen und spüren konnte. Hier fühlte sie sich ihr das erste Mal wieder so nah, ohne schwarztraurig zu sein. Scrabbie wollte hierbleiben, unbedingt. Vielleicht musste sie aber noch einmal zurückfliegen, um als eine Andere wiederzukommen. Ihre Mutter würde das niemals erlauben.

3 Gedanken zu „Roland trifft Venedig

  1. Annemarie Winckler

    Liebe Sabine,
    welch eine unerwartete Wendung. Nun hat Scrabbie eine Wohnung in Venedig. Das ist ja genial. Wie sich das wohl anfühlt, nicht nur als Tourist in Venedig zu sein, sondern dort zu Hause sein zu dürfen. Aber wie lange dauert es, bis es sich wie zu Hause anfühlt. Da reicht die Touristensehnsucht nach Verbleib allein nicht aus. Da heißt es sicher auch Brücken abbrechen, bevor man in Venedig anlegen kann.
    Liebe Grüße
    Anne

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    1. sabine Beitragsautor

      Liebe Anne,
      ja, ich werde jetzt beim Plotten schauen, ob es wirklich gut für die Geschichte und, ob es nicht zu abwegig ist und nur meinem Wunsch entspricht, das es so ist …
      Liebe Grüße,
      Mia

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  2. Ulrike

    Liebe Mia,
    ich bin sofort hineingezogen in die Reiseaufregung von Roland, klammere mich mit ihm an den Halt gebenden Fahrplan, das Mitzählen… Die Gerüche der Stadt und vom Kanal wehen mir um die Nase, die italienischen Straßennamen lassen Fernweh erwachen. Ja, so ein Appartement in der Via Garibaldi verspricht ein anderes Leben. Spannend, wie sich bei Roland und Scrabbie die Abenteuerlust und die Furcht gegenseitig hin und her schaukeln – wie in einer Bootsfahrt auf dem Canale Grande.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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