NaNoWriMo – Tag 12


Ich schreibe jetzt bereits den 12. Tag an meiner Geschichte „Max und die rote Angst“. Sie ist aus der Idee einer Übung für das Modul „Schreiben für Kinder und Jugendliche“ entstanden und hat ihr Eigenleben entwickelt mich seitdem nicht mehr losgelassen.
Ganz grundsätzliche Fragen, was kann ich Kindern wie zumuten, bleiben nicht unberücksichtigt und haben natürlich Einfluss auf die Geschichte.
Ich mute Max eine Menge zu, aber er wird das auf seine ganz schaffen, denn, das ist vorab klar, es wird ein Happy End geben, das bin ich ihm und dem, was er erlebt, schuldig. Das Ende ist schon geschrieben, darauf schreibe ich jetzt zu.

Hier die letzte Szene von gestern:
Kapitel 6
Nassgeschwitzt kam Max zuhause an, warf sein Fahrrad fast in die Garage und kam gerade rechtzeitig zum Essen. Sein Vater kam kurz nach ihm aus dem Arbeitszimmer und seine Mutter holte noch etwas aus der Küche. Es blieb keine Zeit mehr, um sich noch die noch schmutzigen Hände zu waschen. Das musste er jetzt riskieren. Nochmal aufstehen, lieber nicht.
Das Essen verlief ruhig und Max‘ Gedanken liefen immer wieder über den Rand des schweigsamen Abendbrottisches hin zu Olga und Ben, zu Farid und seinem Vater und zu Anton, der ihm vorgelesen hatte. So wie Uwe das tat, wenn er Alpträume hatte. Nur dann.
Max hatte kurz nicht aufgepasst und die Frage seiner Mutter verpasst.
„Ich frage dich das nicht noch einmal!“ Ihre Worte kamen bedrohlich rot und nah auf ihn zu.
„Meine Güte, Spast, jetzt sag ihr doch endlich, wo du mit deinem Scheißfahrrad gewesen bist!“ Uwe half ihm mit dieser Frage, was völlig ungewöhnlich war und bekam dafür auch noch eine saftige Ohrfeige von seinem Vater. Uwe hatte mit einer seiner Mutter gerechnet und war etwas von ihr ab- und damit etwas zu nah an seinen Vater herangerückt.
„Ich war erst in der Stadt, in der Bücherei und dann bin ich über den Fahrradweg gefahren!“ Er hörte selber wie lahm das klang und sah die rot aufsteigende Wut in Uwes Gesicht, der sich für ihn eine hatte schmieren lassen und er, Max, war nicht einmal in der Lage daraus mal etwas Gescheites zu machen. Max hasste Lügen. In diesem Haus lebte die Lüge. Und wer die Wahrheit sagte, bereute das ganz schnell und log mit, damit er in Ruhe gelassen wurde.
Er dachte an Anton und sagte dann: „Ich habe mir bei Frau Specht Schokoriegel erarbeitet und ihren Bürgersteig gefegt.“ Max sah der Reihe nach in ihre überraschten Gesichter und wartete auf eine Beleidigung oder eine Ohrfeige. Nichts passierte, nur Uwe sah ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an und grinste schief.
„Unser Superheld auf Tour!“ In das abfällige Lachen stimmten seine Eltern mit ein und wieder hatte Uwe ihm geholfen. Warum oder was hatte er vor und was musste Max dafür, dass es so blieb?
Als Uwe nach dem Essen in seinem Zimmer vorbeikam, wusste er sofort, was er wollte. „Ich bin heute auf `ner Fete, du weißt, was du zu tun hast; ich habe dir heute schließlich zweimal den Arsch gerettet!“ Max nickte. Das hatte er schon oft gemacht. Er ließ sein Fenster zum Garten nur angelehnt und Uwe kam so heimlich ins Haus.

Max legte sich ins Bett, nahm sich das nächste Buch von Rico und Oskar vom Bücherstapel vom kleinen Regal neben seinem Bett und begann zu lesen. Seine Eltern waren heute Abend weg. Seine Mutter bei irgendeiner Wohltätigkeitssitzung und sein Vater hatte wohl noch irgendein Geschäftsessen. Max liebte diese Abende, an denen er seine Ruhe hatte und niemand ihn störte. Fast niemand.
„Scheiße, das war knapp!“ Mit diesen Worten kam Uwe durchs Zimmer gepoltert.
„Leise, du weckst sie ja auf!“, flüsterte Max und sah ängstlich zur Tür.
„Die Lichter im Schlaf- und Arbeitszimmer sind überall aus. Und, ich habe unseren Vater gerade gesehen. Von wegen Geschäftsessen!“ Uwe machte ein abfälliges Geräusch und zog eine Dose Wodka-Lemon aus seinem Rucksack, öffnete sie und trank einen großen Schluck.
Max spürte die rote Angst in seinem Magen aufsteigen. Er hatte Angst vor Uwe, der sichtlich verändert und vermutlich betrunken war. So hatte er ihn noch nie gesehen. Er traute sich nicht zu fragen, weil er ein wenig Angst vor der Antwort hatte und ob die Antwort etwas damit zu tun hat, dass er seinen Vater in der Nacht in der Küche angetroffen hatte. Offensichtlich wollte sein Vater nicht darüber reden und er hatte ihn auch nie wieder darauf angesprochen.
„Unser alter Herr ist nicht einer, der nicht nur mal gepflegt und heimlich einen sauteuren Whiskey in seinem Arbeitszimmer trinkt, sondern selbst ein Säufer, wie er die Jungs ja gerne abfällig bezeichnet, die am Kiosk an der Ecke ihre Flaschen Oetinger kaufen, um ihren Pegel zu erhalten.“
Max hörte Uwes Wörter, die sich um ihn herumformierten und schwer auf die Bettdecke legten, dass er schlecht Luft bekam. Er verstand die Wörter in ihrer Bedeutung nicht. Er wusste, dass es Menschen gab, die, so hatte es seine Mutter immer erzählt, oft und schon früh am Tag Alkohol tranken, aus Langeweile und weil sie keine Arbeit hatten und zu faul waren. Aber, er wusste auch von Anton, dass das nicht stimmte. Dass es Menschen gab, die ihren Job oder einen Menschen verloren oder auch etwas ganz Schlimmes erlebt hatten und deshalb zu trinken angefangen hatten, weil sie damit nicht klargekommen waren. So wie Frank, der trank heute keinen einzigen Tropfen mehr, dafür aber genau so viel Kakao wie Max.
„Danach kommen viele nicht mehr auf die Beine, fallen raus und erholen sich nicht wieder. Alkohol ist ein gefährlicher Gefährte und eine ebensolche heimtückische Krankheit. Erst trinken sie, um zu vergessen, was ihnen passiert ist und wie ihr Leben heute aussieht und dann müssen sie trinken, um zu vergessen, dass sie trinken.“ Anton hatte ihm das mal zu erklären versucht. „Ich glaube, wir haben alle etwas, ohne, dass wir uns das Leben nicht mehr vorstellen können.“ „Wie deine Tattoos!“, sagte Max und verstand.
Anton lachte. „Ja, und du und deine Schokoriegel und Bücher. Die sind anders gefährlich!“ Max überlegte. Aber sein Vater, der arbeitete doch nur viel. War das auch ein Grund?
„Hey du Spinner, träumst du mal wieder vor dich hin! Unser Vater hat sich drei Flachmänner gekauft und die in der dunklen Seitenstraße, damit ihn niemand sieht, draußen vor der Tür in einem Zug weggekippt. Einen nach dem anderen. Unser Vater, der Saubermann, ist ein Säufer! Darauf trinke ich jetzt, Prost!“ Uwe trank wieder einen großen Schluck aus seiner Dose, zerdrückte sie mit einer Hand und warf sie dann achtlos auf den Boden. Er saß immer noch unter der Fensterbank vor dem geöffneten Fenster, in das eine dunkelblaue Kühle hereinkroch, die sich beruhigend auf seine rote Angst legte und auch wieder dafür sorgte, dass er wieder mehr Luft bekam. Zum Glück war sein Fenster nach hinten raus zum Garten gelegen und konnte, wenn ihre Eltern nach Hause kamen nicht sofort eingesehen werden.
„Hat er dich gesehen?“, fragte er vorsichtig, auch ein wenig um Uwe vom Trinken abzuhalten, denn er holte eine neue Dose aus seinem Rucksack und öffnete die Dose. Der Inhalt schäumte aus der Dose, über seine Finger, auf seine Jeanshose und von da auf den Teppich. Ein dunkler Fleck zeichnete sich ab. Ein widerlich scharfsüßer Geruch bereitete sich im Zimmer aus. Uwe schien das alles nicht zu stören. Er trank noch einen großen Schluck aus der Dose. Seine Augen waren glasig und er kippe leicht zur Seite. Max hatte noch nie einen Menschen betrunken erlebt und noch viel weniger seinen großen Bruder, der offensichtlich große Schwierigkeiten hatte, aufzustehen. Also, setzte er sich wieder hin, lehnte sich mit dem Rücken die Wand unterhalb des Fensters, das immer noch weit aufstand und den Raum immer mehr abkühlte. Gestern hatte es es zum ersten Mal in diesem November gefroren.
„Nein, hat er nicht, der alte Lügner, da habe ich echt Schwein gehabt. Wenn er …“
Uwe hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da öffnete sich die Tür zu Max‘ Zimmer.
Ganz leise und nur einen kleinen Spalt. Max hielt den Atem an. Uwe hatte die Augen geschlossen. Als er wieder zur Tür sah, schloss sich die gerade wieder, genauso lautlos wie sie sich geöffnet hatte. Max rieb sich die Augen. Hatte er sich das nur eingebildet? War die Tür die ganze Zeit geschlossen gewesen und hatte nur seine Angst sie geöffnet.? Uwe schein von all dem nichts mitbekommen zu haben. Er war sogar eingeschlafen. Max musste etwas tun, auch wenn er das Gefühl hatte, dass sein ganzes Zimmer aus roter Angst bestand. Er stand auf, legte die Bettdecke zur Seite und begann sofort vor dunkelblauer Kälte und roter Angst zu zittern. Er entsorgte die hingeschmissene Dose in seinem Mülleimer, nahm eine alte Plastiktüte und verknotete die sorgsam, dass niemand sah und noch weniger roch, was sich darin befand. Morgen konnte er die dann heimlich in der grauen Mülltonne vor dem Haus entsorgen. Jetzt musste er sich um Uwe kümmern, bevor der hier im Sitzen einschlief und bis morgen nicht mehr aufwachte.
Max rüttelte ihn vorsichtig. Einmal und noch einige weitere Male. Ein unwilliges Knurren war alles, was Uwe von sich gab, ansonsten bewegte er sich nicht. Uwe war viel zu schwer, um sich bewegen zu lassen, also änderte Max seinen Plan, holte eine Winterdecke aus seinem Schrank und ein Kissen vom Sofa, legte es unters Fenster und kippte Uwe vorsichtig darauf. Max beobachtete dabei immer die Tür und achtete darauf, dass er keinen Lärm machte.
Uwe ließ sich das Umkippen gefallen und als er lag, deckte Max ihn mit der Decke zu und stellte die zweite, noch volle Dose, draußen auf das Kiesbett unterm Fenster ab, holte die Tüte wieder aus dem Mülleimer, stellte sie dazu und schloss dann das Fenster über ihm, stellte es auf Kipp, damit der Geruch nach Wodka-Lemon bis morgen früh weichen konnte und ließ dann die Jalousien vorsichtig herunter. Außerdem stellte er sein kleines Nachtlicht auf den Boden in die Mitte des Zimmers, damit Uwe wusste, wo er war, wenn aufwachen würde. Dann wollte er sich ins Bett legen, aber das klappte vor lauter Aufregung nicht und genau die Aufregung sorgte dafür, dass er aufs Klo musste. Er überlegte kurz, ob er es einhalten und bis morgen früh aushalten konnte, aber das war unmöglich und der Ärger, wenn das in die Hose ging, war noch schlimmer, als jetzt noch einmal in den dunklen Flur durch die Tür zu gehen, die sich gerade geöffnet und wieder geschlossen hatte, ohne, dass jemand hereingekommen war.
Max nahm seine kleine blaue Taschenlampe fest in die linke Hand, schaltete sie ein und öffnete mit der rechten Hand die Zimmertür. Im Flur war kein Licht an und auch in den angrenzenden Zimmern war kein Lichtstrahl unter den Türen zu sehen. In dem Moment öffnete sich am Ende des Flurs die Haustür, seine Mutter kam herein und das Flurlicht ging an. Sie erschreckte sich genauso wie Max, der erst einmal nichts sah. Seine Augen mussten sich an die plötzliche Helligkeit gewöhnen.
„Um Gottes Willen, was schleichst du denn hier rum?“ Ihre Stimme klang erschrocken rot.
„Ich muss mal!“, sagte Max und ging schnell ins Badezimmer.
„Danach aber sofort ins Bett, verstanden!“ Sie zog ihre hochhackigen Schuhe aus und stellte sie genau akurat nebeneinander ins Schuhregal unter die Garderobe.
„Ist noch was?“
Max schüttelte mit dem Kopf und ging ins Bad. Seine Mutter war also nicht diejenige, die die Tür geöffnet hatte. Sein Vater? Als er wieder rauskam, hörte er seine Mutter in der Küche hantieren und den Kühlschrank öffnen. Er ging vorsichtig bis zur Treppe und schaute über das Geländer der offenen Galerie hinunter. Sie stand mit dem Rücken zu ihm und trank einen Schluck Mineralwasser. Die Flasche stand neben ihr.
Max ging in sein Zimmer zurück. Erst da entdeckte er den Lichtschein im Arbeitszimmer seines Vaters. War er schon länger da gewesen und wenn ja, wieso war er nicht hineingekommen?
Als Max die Tür zu seinem Zimmer öffnete, stand Uwe gerade wackelig von seinem improvisierten Lager unter dem Fenster auf.
Er stolperte durchs Zimmer. „Pass auf, sie ist gerade in der Küche!“ Max zeigte auf den wieder dunklen Flur.
„Danke!“, sagte Uwe und ging an ihm vorbei. Er roch widerlich nach Alkohol. Max hielt die Luft an und machte schnell die Zimmertür nach ihm zu und kroch in sein warmes Bett. Noch ein paar Zeilen über Rico lesen, der hätte das bestimmt auch so mutig geschafft und dann einschlafen …
Als sein Blick auf das Fenster fiel, stand er noch einmal auf, legte das Kissen wieder aufs Sofa, faltete die Decke zusammen und stellte das Nachtlicht auf den Flecken auf dem Fußboden. Sicher war sicher, den musste er morgen beseitigen. Heute war er viel zu müde.

Ein Gedanke zu „NaNoWriMo – Tag 12

  1. Ulrike

    Liebe Mia,
    vielen Dank für die spannende Leseprobe. Ich fühle sehr mit Max mit. Er ist ein ziemlich tapferer Bursche, wie er die ständig präsenten Spannung und oft nicht richtig greifbaren Gefahren in seiner Familie aushalten und auch Wege finden muss, sich zu schützen.

    Ich habe einige Parallelen zu meiner Geschwister-Geschichte (Philipp und Silva) festgestellt – wie Kinder doch in der Lage sind, eine Allianz zu bilden, obwohl sie selbst in Konkurrenz stehen und das Machtgefälle bei einem Altersunterschied stark zum Tragen kommt. Aber dieses Zusammenhalten in der Not (Kinderwelt vs. Erwachsenenwelt) ist glaube ich ein typisch und auch gut so.
    Ich wünsche dir weiterhin gutes Schreiben!

    Herzliche Grüße
    Ulrike

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