Nachts unter der Bettdecke

Abends wollte ich aus Angst vor der Dunkelheit der Nacht überallhin, nur nicht freiwillig ins Bett, deshalb ließ ich mir endlose Geschichten einfallen, um genau das zu verhindern. Natürlich half keine einzige Geschichte, sie zögerte nur den Moment hinaus. Doch an diesen besonderen Tagen, da konnte ich es nicht erwarten, endlich ins Bett gehen zu können.

Meine Zähne putzte ich mit der borstenzerzausten, grünen  Zahnbürste und der gestreiften Kinderzahncreme im Vorbeigehen, ebenso kämmte ich meine kurzen, zumeist strubbeligen Haare und zog den Schlafanzug mit den grünen Drachen an. Dann nichts wie hinauf in das obere Etagenbett im Kinderzimmer, zudecken und wieder warten. Warten, dass meine Eltern zum Gute-Nacht-sagen kamen und das Licht im Kinderzimmer ausmachten.

Wenn ich mir endlich sicher war, dass meine Eltern wieder im Wohnzimmer waren, habe ich das Buch und die Taschenlampe unter dem Kissen vorgezogen und die Bettdecke so über den Kopf gezogen, dass kein Lichtstrahl hinaus, aber noch genügend Luft hinein kam.

„Torsten, kann man was sehen?“, fragte ich meinen jüngeren Bruder Torsten nach unten.
„Nein, alles dunkel!“, antwortete Torsten.

Dann habe ich das Buch aufgeschlagen, immer auf der ersten Seite und immer ganz behutsam, damit die Buchstaben und Wörter nicht herausfallen. Ganz vorsichtig habe ich mit den Fingern der rechten Hand über den Titel und den Namen der Autorin gestrichen.

„Ich bin Purzel. Lili Martini.“ Habe beides leise vor mich hin geflüstert; die Blätter gerochen und die Geschichte dahinter gespürt. Erst dann habe ich zu der Stelle vorgeblättert, an der ich beim letzten Mal aufgehört habe zu lesen.

Mein Kopf lag auf meinem angewinkelten Arm auf dem Kopfkissen und die Taschenlampe beleuchtete die Seiten der Geschichte. Wort für Wort und Satz für Satz  tauche ich ab hinter die Zeilen. Keine Angst. Nur Aufregung und Neugier auf den nächsten Satz. Alles andere verschwindet dahinter und ist nicht mehr da. Nur noch Purzel und ich, niemand sonst. Hier ist zwischen den Zeilen kein Platz für Angst.

Selbst dann noch, wenn ich am Ende des Buches die Taschenlampe ausschalte, das Buch zuklappe und beide auf das Regal am Kopfende lege, dabei die leisen Schatten unter der Laterne auf der Straße sehe, das Atmen meines Bruders und die leisen Geräusche meiner Eltern in der Wohnung höre, den Herbstwind durch das gekippte Fenster auf meinem Gesicht spüre, ist die Angst zwar da, aber sie bleibt in der Ecke.
Ganz hinten, unterm letzten Regalfach an der Wand neben dem Bett. Dann decke ich mich bis zur Nase zu, drehe mich zur Wand und verkrieche mich unter der Decke, mit dem Schutz des Buches gegen die Angst. Ich schließe schnell die Augen, weil ich dieses tolle Gefühl mit in die Nacht nehmen will.

Wenn ich abends im Bett lese, geht der Rest der Welt mit meiner Angst vor meinem Etagenbett unter und das ist gut so, denn mein Bruder hat keine Angst und deshalb kann die Angst ihm auch nichts antun, da unten im Etagenbett.

Heute sind es andere, deine Worte, die ich lese, ganz ohne Taschenlampe … Worte eines nachtpoeten.