Herzkopfstand


Herzkopfstand
Eine junge Frau, ich nenne sie Lisa, bekam dieses Holzstück zur Gestaltung, obwohl ihr an diesem Morgen gar nicht danach ist, etwas Künstlerisches zu schaffen. Ihr Herz ist schwer und fühlt sich taub an.
Wie soll sie das ausdrücken, was sie bewegt. Will sie sich zeigen?
Die einzige Idee, die ihr kommt, ist ein Herz, obwohl wohlgeformt, auf den Kopf zu stellen.
Ob es Zufall ist oder dieser ihr zur Hilfe kommt? Ein Astloch steckt zusätzlich im Herzen. Lisa fühlt an diesem Morgen ihr schlagendes Herz in ihrer Brust genauso durchbohrt. Es schmerzt, weil ihr guter Freund ihre Freundschaft beendet und sie diesen Verlust noch nicht überwunden hat.
Die Einheit, die sie sich wünscht, eine gemeinsame Zukunft, gibt es nicht mehr. Dafür steht der Kreis, den sie über dem Herzen ins Holz geschnitten hat.
Darüber deutet sie eine Form, einen Ballon an. Etwas, das noch nicht ist, aber in ihr wächst. Ein Kind, das nun ohne seinen Vater aufwachsen muss. Oder doch nicht? Lisa steht die Entscheidung noch bevor.
Ihr Freund verneint ihre junge Liebe. Würde sie trotzdem Ja zu ihrem Kind sagen? Die Blase, die gerade noch eine „Luftblase“ zu sein scheint, zu einer Sonne ausbilden, die Lisas Leben überstrahlt?
Lisa lässt ihr Holzstück unfertig. Eine Gemeinschaft, einen Kreis mit ihrem Kind könnte sie bilden und dann das Holzstück umdrehen. Ihre Liebe dem Ungeborenen schenken.
Das kleine Loch in diesem aufgerichteten Herzen wird sie an ihren verflossenen Freund erinnern, aber es wird nicht mehr bluten.
Lisa hofft, dass sie glücklich wird und streicht versonnen über ihren noch flachen Bauch.
Schreib-/Erzählcafé – © Birgit Malow, 17.06.2017

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