#DigitaleEinsamkeit – #Blogparadedesbks11: #DasverloreneSpiegelbild

#DigitaleEinsamkeit – #Blogparadedesbks11: #DasverloreneSpiegelbild

Das Finale!
Der BKS-Jahrgang 11 schließt sein Blog-Projekt mit einer Blogparade ab! Zum Thema „Digitale Einsamkeit“ schreiben alle, die sich daran beteiligen wollen, einen Beitrag auf dem eigenen Blog:
„Digitale Einsamkeit – eine Blogparade des #bks11 – Eigener Titel.“
In dem Beitrag werden alle Wörter eingebaut, die in der Wortwolke oben stehen. Die Blogparade startet ab sofort und endet am 11. Juni. Sobald Ihr etwas geschrieben habt, schreibt Ihr hier unter diesen Beitrag einen Kommentar und verlinkt auf Euren Blogbeitrag. Kommentare und wechselseite Bezüge auf die Blogeinträge sind erwünscht und machen es interaktiv.

Viel Spaß beim Schreiben, Lesen, Verlinken, Twittern usw. wünscht uns

Christiane, Gastschreiberin bei Miss Novice


#DasverloreneSpiegelbild

Konfetti war ihr auf dem Rückflug von Frankfurt begegnet. Sie war müde von den vielen leckeren Würstchen im Schafrock und den Schoko-Crossies danach, die sie mit ihrem neuen Freund Marvin gegessen hatte. Na ja, mit vollem Bauch fliegt sich eben nicht gut und so hatte sie den unmöglich gewordenen Flug durch eine Schwarzfahrt mit dem ICE getauscht.
Sie hatte zunächst nur ihr eigenes Spiegelbild in der Scheibe des Abteils gesehen, als sie sich gerade einen gemütlichen Platz auf der Gepäckablage neben dem weichen Halstuch in schwarzgelb und dem, sie vor neugierigen Blicken schützenden, schwarzen Koffer gewählt hatte, vor dessen Hintergrund sie als fliegende Schattengestalt völlig verschwand. Konfetti sah noch einmal auf.

Da traf sie der Blick des Spiegelbildes der jungen Frau am Fensterplatz gegenüber.

Die junge Frau saß mit Kopfhörern und über ihren Laptop gebeugt vor dem kleinen Tisch, der heruntergeklappt war. Nur ihre Finger bewegten sich über die Tasten. Es schien, als würde ihr Blick von einem unsichtbaren Buchstabensog in den schwarzen Bildschirm hineingezogen. Konfetti hielt sich instinktiv noch etwas fester und stürzte doch in den Blick dieser schwarzblauen Augen. Sie fragte sich, ob Augen von Spiegelbildern so real sein konnten. Diese Augen, die schon zu viel von der Welt gesehen hatten, zu viel von dem, das Menschen zerbricht und nicht mehr zusammensetzt, weil niemand da ist, der sie sieht und hört, weil sie unsichtbar werden, weil sie in der Nacht verschwinden, in ihren Schatten verschwimmen und zunehmend aus dem Tag herausfallen.
Woher kamen nur diese Gedanken? Konfetti senkte erst jetzt den Blick. Ihr wurde schwindlig und ihre Flügel zitterten. Sie drückte sich noch tiefer in den Schal und konnte aber doch nicht der Versuchung widerstehen, das Spiegelbild der jungen Frau noch einmal anzuschauen.

„Ich bin nicht sie, ich bin ihr Spiegelbild. Ich bin all das, was ich in der Einsamkeit der Nacht aus ihr mache!“, sagte das Spiegelbild schweigend in Konfettis Gedanken hinein.


Konfetti lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sie dachte an die Notbremse im Zug, wusste aber nicht, ob durch den Ruck auch Spiegelbilder in Abteilfenstern verschwinden. Ein roter Escape-Button wäre jetzt ganz klar von Vorteil.
„Na ja!“, begann sie ebenfalls und baute ihre Worte als Schutzmauer in Gedanken vor sich auf, „Du scheinst ja sowas von keine Ahnung von der Nacht zu haben, denn die macht genau das nicht aus den Menschen! Aber, wenn ich dich so ansehe, hast du vermutlich auch nicht viele Follower.“ Konfetti hatte sich bei ihren schweigenden Worten immer mehr aufgerichtet und dem Spiegelbild geradewegs in die Augen geschaut.

„Du traust dich, so mit MIR zu sprechen, du kleiner, fliegender Winzling der Nacht. Du weißt wohl wirklich nicht, wer ich bin, oder? Glaube mir, ein Shitstorm ist etwas, wonach du dich sehnst, wenn ich mit dir fertig bin!“ Das Spiegelbild wurde mit jedem Wort größer und nahm immer bedrohlichere Ausmaße an, es schien, als würde es die ganze Scheibe bedecken und nach und nach die Spiegelbilder der anderen Menschen im Zug übernehmen. Diese wurden leblos grau. Das ganze Abteil wurde kühler.


„Noch jemand zugestiegen? Die Fahrausweise, bitte!“ Die Worte des Schaffners veränderten die Atmosphäre schlagartig. Das kühle Grau verschwand und die Menschen begannen sich wieder zu bewegen und zu strecken, Auch die junge Frau löste ihren Blick langsam vom Bildschirm, nahm ihre Hände von der Tastatur, zog ihr Handy aus der Tasche und zeigte dem Schaffner ihr Handy-Ticket.
Es piepte zweimal, als der Scanner darüberglitt. Die junge Frau sah die Schaffnerin irritiert an und dabei fiel ihr Blick auf Konfetti, die sich erfolglos zu verstecken versuchte. Ein kleines Lächeln glitt über ihre müden Gesichtszüge. Ein Gesichtsupdate der besonderen Art, fand Konfetti, die dieses Wort selbst erfinden hatte.
„Sie haben zwei Tickets gebucht?“, fragte die Schaffnerin irritiert.
„Ja!“, antwortete die junge Frau. „Für mich und meine Fledermaus!“
„Natürlich, für wen auch sonst!“, lachte die Schaffnerin, scannte das Ticket noch einmal und nur ein Piepen erklang. „Noch eine gute Weiterfahrt!“
„Werde ich haben; ich habe jetzt ein Date mit einer Fledermaus.“ Die junge Frau legte sich ein weiches Tuch um die Schulter und deutete mit der Hand behutsam auf ihre Schulter zum Fenster.
Konfetti hatte das alles gebannt beobachtet, war noch immer mächtig geflasht von ihrem nicht mehr vorhandenen Spiegelbild, dass sie noch einmal und noch einmal vorsichtig in die Fensterscheibe gegenüber schaute, in der ein ganz normales Spiegelbild der Frau sichtbar wurde.
Sie flog in einem unbeobachteten Moment zu der jungen Frau und setzte sich auf deren Schulter. „Schön dich kennenzulernen. Ich bin Mia und wer bist du?“, fragte Mia.
„Konfetti!“, antwortete Konfetti.
Beide schwiegen und als Konfetti zur Seite in das Fenster schaute, sah sie es.

„Nimm dich in acht. Ich komme wieder. Sie wird nicht immer an die Menschen glauben können und dann komme ich zurück, dich hole ich dann zuerst!“


„Du hörst und sieht es auch?“, fragte Mia.
„Ja, voll gruselig, die Fratze!“
„Ja, das sind wir in unserem einsamsten Moment, wenn wir an nichts mehr glauben und uns selbst verlieren, in der Nacht, im Netz oder sonst wo.“
„Was hat sie vertrieben?“, fragte Konfetti.
„Na, du natürlich und dein unerschütterliche Glaube an die Hoffnung der Nacht und die Schreibfreiheit, die in ihr lebt!“
„Ich, echt?“ Konfetti wurde ein wenig rot, aber das sah ja keiner.
Mia lachte leise. „Lust auf ein schönes Hörbuch? Kriegst meinen zweiten Kopfhörer.“
„Was hören wir?“, fragte Konfetti.
Der Mondmann, von Tommi Ungerer, den Tipp habe ich von Urs!“, sagte Mia und so saßen die beiden gemeinsam da im Zug nach Iserlohn und lauschten einem Buchstabensog der besonderen Art.

Weitere Blogparade-Beiträge (01.-11.6.2017)


Planet Romeo (ein Prequel) von Urs Kuenzi
Zwei Einsamkeiten von Hedda Lenz

11 Gedanken zu „#DigitaleEinsamkeit – #Blogparadedesbks11: #DasverloreneSpiegelbild

  1. Christiane

    Liebe Mia,
    wow! Welch Start in die Blogparade! So erfahre ich auch, wie Du von Berlin zurückgekommen bist. Schwarzfahren auf der Gepäckablage! So hab ich mir das vorgestellt!
    Ich bin begeistert! Dann nehme ich in den nächsten Tagen mal alle Wörter zusammen und lege auch los…
    Bis bald!
    Christiane

    Antworten
  2. Sonja Sternitzke

    Liebe Mia… unglaublich, diese Steigerung nochmal zum Schluss. Wortgewaltig und intensiv, direkt gruselig die Stimme des Spiegelbildes, die ich aber erst heute morgen „gehört“ habe….
    Trotzdem war die Nacht zu kurz 😉
    Es bleibt spannend, mitzulesen. Dass mir Konfetti mal so real vorkommt, hätte ich am Anfang nicht gedacht.

    Antworten
  3. Anne Winckler

    Liebe Mia,
    Applaus, Applaus. Diese Geschichte macht die Geschichte von der Nacht wirklich rund. Ich finde sie wunderbar poetisch, spannend und begeisternd. Ich habe sie Marvin vorgelesen und er hat ganz tief geseufzt und verklärte Augen gekriegt.
    Was für ein toller Start für unsere Blogparade.

    Sei herzlich gegrüßt auch von Marvin
    Anne

    Antworten
  4. hedda lenz

    Liebe Mia,

    in der Tat rundet der Beitrag deinen Blog ab. Ich bin ein wenig wehmütig, möchte ich doch weitere Abenteuer mit dir und deinen Gästen der Nacht erleben. Lust auf ein weiteres Blog -happening ?

    Liebe Grüße

    Hedda

    Antworten
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  8. Ulrike

    Liebe Mia,
    ich bin total fasziniert, wie sich in deinem Text komische und unheimliche Momente rasant abwechseln, mal kichere ich mit Konfetti, dann schaudert es mich vor dem Seelenspiegelbild.

    „Diese Augen, die schon zu viel von der Welt gesehen hatten, zu viel von dem, das Menschen zerbricht und nicht mehr zusammensetzt, weil niemand da ist, der sie sieht und hört, weil sie unsichtbar werden, weil sie in der Nacht verschwinden, in ihren Schatten verschwimmen und zunehmend aus dem Tag herausfallen.“

    Mir gefällt sehr, wie gerade die Nachtgestalt Konfetti die Hoffnungsträgerin im Angesicht des abgründigen Alter Ego ist.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

    Antworten
  9. Mo...Saik

    Liebe Mia,
    welch schönes Finale. Toll, wie alles zusammenfließt. Konfetti, du, die Nacht und diese andere im Spiegel, die so fürchterlich ängstlich und einsam ist… und natürlich wieder die verbindenen Links…
    Wie bekommst du das nur immer wieder hin?! 😉
    lg. mo…

    Antworten
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