Die Lieblingswörter-NICHT-GUTE-Nachtgeschichte – Teil 6

Quelle: Anka Agency International/imago

[…] Das erste Mal hatte ich mit ihm den Silberstreif am Horizont nicht mitbekommen, nicht mitbekommen wie er als Tag seine einzigartige Geschichte schrieb und sich erst, als ihm die Augen neben mir zufielen, schlafen legte. Seit Anbeginn der Zeit war das noch nie vorgekommen. Nur einmal und danach nie wieder, weil es keinen zweiten wie ihn geben konnte.
Ich befand mich im gefährlichen Traumraum, der entsteht, wenn die Nacht am tiefsten und der Tag am nächsten ist und du vergisst, wieso du existierst. Ich machte diesen Job, die Welt im Gleichgewicht zu halten und Nacht um Nacht zu retten jetzt schon immer und ich weiß nicht, was mich mehr frustrierte, dass ich ihn intuitiv machte, obwohl ich gedanklich nicht einmal anwesend sein musste oder weil ich den Job sogar ohne mich erledigen konnte oder, ob Konfetti diesen Part nicht schon längst alleine und viel besser machte als ich.
„Dir fehlt der Sternenschimmer der Laterne, seiner Laterne!“, flüsterte Konfetti und flog mit einer geschmeidigen Bewegung eine Lichterglanz-Kurve um meinen Kopf, damit ich wieder einen klaren Kopf bekam.
„Ja, wenn ich das nicht ändere, wird die Laterne in meinem Kopf ihr Unwesen treiben und mein Leben lang an und ausgehen, wie es ihr gefällt.“
„Na ja, oder du entscheidest dich endlich, für eins von beiden: An oder Aus!“
Konfetti flog in gewohnter Flugmanier seinen Namen in bunten Konfetti-Sternen in den Nachthimmel.
Ultramarinblau.“ Ich zeigte auf den letzten Buchstaben in seinem Namen.
„Was meinst du?“
„In dem Namen fehlt Ultramarinblau.“
„Natürlich!“, sagte Konfetti, „ebenso wie Geborgenheit, Lebensglück und Kerzenschein. Alles Dinge, die du mit ihm hast gehen lassen.“
„Habe ich einen Burnout, Konfetti?“
„Na ja, keinen Happy Burnout, aber so etwas wie ein, in einer Streichholzschachtel gequetschter Sternenhimmel.“
„Ist das ansteckend?“
„Nicht bei Fledermäusen, deshalb bin ich ja hier, zur Geisterstunde ohne Gespenster! Wie ein Nachtwächter eben.“
Ich schaute erschöpft in die schimmernde Stille kurz vor dem Morgengrauen und konnte in ihr seit langem wieder all die Schafe sehen, die ich nicht zählen durfte, weil ich sonst einschlief, was ich nicht durfte. Also lauschte ich der leisen Jazzmusik, die der Uhu am liebsten hörte und zu der Konfetti rhythmisch mit den Flügeln schlug.
R u h e.

4 Gedanken zu „Die Lieblingswörter-NICHT-GUTE-Nachtgeschichte – Teil 6

    1. sabine Beitragsautor

      Lieber Urs, es sind eure Wörter, die mich beim Schreiben leiten und es macht sehr viel Spaß, noch nicht zu wissen, wo es hingeht, liebe Grüße, Sabine.

      Antworten
  1. Ulrike

    Liebe Sabine,
    was für ein poetischer Satz: „Ich befand mich im gefährlichen Traumraum, der entsteht, wenn die Nacht am tiefsten und der Tag am nächsten ist und du vergisst, wieso du existierst.“

    Konfetti hätte ich auch zu gerne als Nachtwächterin mit ihrer bunten Stern-Konfetti-Himmels-Malerei. Witzig auch, dass Schafe ansehen erlaubt ist, aber bloß nicht zählen.

    Herzliche Grüße
    Ulrike

    Antworten
    1. sabine Beitragsautor

      Liebe Ulrike,
      danke dir für das Feedback, aber die Einzelteile aus diesem Satz sind Wortgeschenke aus euren Lieblingswörtern der Nacht … Mit ihnen zu schreiben, macht einfach Spaß, weil ich selbst nie weiß, wohin es geht und lasse mich von den Wörtern und den Figuren führen …
      Liebe Grüße und eine gute Nacht,
      Sabine

      Antworten

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