Die Lieblingswörter-NICHT-GUTE-Nachtgeschichte – Teil 5

Quelle: Anka Agency International/imago

[…] …der mir noch am Morgen eine Abendgeschichte vorgelesen hatte und mir mit seinem atemberaubenden Gute-Nacht-Kuss zum Mittag das Gefühl gab, es wäre mehr möglich, als immer wieder dieselbe Routine, als immer wieder dieselbe Realität, dass es uns in diesem verfluchten Sonnensystem nur in der Trennung geben konnte …
Dass wir nur existieren im Gegensatz des anderen, dass das schon immer so war und auch in Zukunft immer so sein wird: Sie sind die Tage. Und ich bin die Nacht. Ich bin die Nächte. Ich bin Nacht.
„O shit, bist du mit deinen Gedanken wieder im Mondschatten unterwegs. Komm da weg, da sind zu viele Tränenlöcher.“ Konfetti stupste mich unsanft. „Hey, komm, wir gehen über den neuen Tag lästern, das machst du doch so gerne!“
„Siehst du das?“, fragte ich und zeigte auf ihn und seine verbleibenden Stunden „Äh, ja, er steht da und macht einen auf Großmaul, auf Krokodil, auf Held, auf EinTAGfliege eben!“
„Nein, schau genau hin, seine Silhouette aus den Stunden, die verrinnen. Sie werfen schon erste Schatten.“
„Sag mal, stehst du auf den? Willst du einen auf Ampelpärchen machen?“
„Ja, wieso nicht, die gab es auch mal nur einzeln, jetzt sind sie zu zweit.“
„Du hast ihn wieder, diesen Nachtblick, den kenne ich, da ist der Andromedanebel ein Fliegenschiss an der Scheibe!“
„Das sind alles Schattenträume, ich weiß!“ Ich strich Konfetti zärtlich und behutsam über ihre Flügel. Sie sagte nichts und dafür war ich ihr zutiefst dankbar. In dieser Wolkenstille am frühen Nachmittag war es am schlimmsten. Je näher der Abend kam, umso kleiner wurden sie, bis sie völlig in den Schatten der Nacht verschwanden.
Bis zum nächsten Morgen.
Bis zum nächsten Tag.

5 Gedanken zu „Die Lieblingswörter-NICHT-GUTE-Nachtgeschichte – Teil 5

  1. Anne Winckler

    Liebe Sabine,

    das mit den Tränenlöchern gefällt mir am besten, wer auch immer diese Kreation gebastelt hat. Das macht es so plastisch, das Versinken in den Tränensturzbächen. Und wieder eine wunderbar poetische Teil-Geschichte.
    Danke
    Liebe Grüße
    Anne

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    1. sabine Beitragsautor

      Liebe Ulrike, liebe Anne,
      ja, Tränenlöcher ist ein tolles Wort und hat mir Hedda für die Geschichte geschenkt … Eure Wörter sind echt genial und liebe Schreibgefährten auf der schwarzen Zeile der Nacht…

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  2. Mo...saik

    Liebe Sabine, ich finde die Idee sehr spannend, dass es viele Tage, aber nur eine Nacht gibt… Zum Glück hat sie Konfetti, wenn doch die meisten der Tage eher so banal sind…

    lg. mo…

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    1. sabine Beitragsautor

      Liebe Mo,
      ja, das war ziemlich schnell für mich klar, deine Rückmeldung hat es mir nochmal klar gemacht, mir gefällt diese Vorstellung irgendwie und Konfetti sowieso …

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  3. Ulrike

    Liebe Sabine,
    mir gefallen auch die „Tränenlöcher“ sehr gut. Die Hauptfigur als Geschöpf der Nacht (im Gegensatz zu ihrem Partner) charakterisierst du wunderbar mit: „der mir noch am Morgen eine Abendgeschichte vorgelesen hatte und mir mit seinem atemberaubenden Gute-Nacht-Kuss zum Mittag…“.
    Auch wenn Tag und Nacht die beiden Trennen, können sie doch nicht ohne einander sein.
    Herzliche Grüße
    Ulrike

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