Der Mann im Mond VI – eine Woche früher –

Er schaute entsetzt auf das erloschene Licht der Laterne. Es war so schnell passiert. So erschreckend einfach war es für ihn, das Licht zum Erlöschen zu bringen. Die zurückbleibenden Schatten der Nacht krochen unaufhaltsam aus der Laterne auf ihn zu und legten sich wie eine schützende, schwere Decke um ihn. Die Nacht. Sie umarmte ihn und er seufzte tief. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, dann würde sich endlich etwas ändern. Da war er sicher. Wann ihm diese Gewissheit kam, konnte er nur schwerlich rekonstruieren, so sehr hatte er die Schatten dabei beobachtet, wie sie ihn erneut zurückforderten.
Vermutlich beim letzten Bissen des Käsebrotes. Dieser besondere Moment war ihm vom Tag noch geblieben, war seine vielleicht letzte Verbindung in den Tag, wie er ihn einmal gekannt und gelebt hatte.
Wenn sich das letzte Stück Brot mit dem letzten Schluck schwarzen Kaffees vermischte, entstand dieser unverwechselbare Geschmack in seinem Mund: Mildbitter. Gelbschwarz. Genau wie das Leben. Gelb am Tag und schwarz in der Nacht. Mild in der Sonne und bitter in der Kälte. Wie die Farben eines Fußballvereins, doch die stammten aus einer noch ferneren Zeit, als er nicht nur gearbeitet hatte.
Als er diesen so vertrauten Brei herunterschluckte, wusste er, was zu tun war. Also, er wusste es nicht mit Bestimmtheit, aber irgendetwas in ihm griff auf ein Wissen zurück, das anscheinend schon immer dort gewesen, aber noch nie benötigt worden war.
Er nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen. Das tat er immer, wenn er nicht sicher war, ob der nächste Schritt fällig war. Also, packte er, um Zeit zu schinden, erst einmal seine Butterbrotdose mit der Thermoskanne wieder ein. Nicht, ohne sich dreimal vergewissert zu haben, dass die silberfarbene Kanne richtig zugedreht war.
Wieder gab es da etwas in ihm, das ihn sicher wissen ließ, wenn er die Lampe löschte, würde er kommen, musste er kommen, der Mann im Mond.

6 Gedanken zu „Der Mann im Mond VI – eine Woche früher –

  1. Anne Winckler

    Liebe Sabine,
    Dein Tempo macht mich atemlos. Ich sause mit dem Mann im Mond durch die Nacht, frage mich, wo „Sie“ ist und lande dann bei einem Borussia-Fan, der die Lampe ausmacht. Wo treibt diese Geschichte hin? Und immer wieder Deine wunderbaren Wortkreationen wie „wildbitter“ , Auch die detaillierte Schilderung des Breis aus Käsebrot und Kaffee ist beeindruckend, auch wenn es mich bei der Vorstellung ein wenig würgt. Diese Geschichten nehmen gefangen.
    Liebe Grüße
    Anne

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  2. Sabine Hinterberger

    Liebe Anne,
    hast du mich gerade laut lachen gehört? Musst du, denn ich kann immer noch nicht aufhören!
    Diese Stelle „…auch wenn es mich bei der Vorstellung ein wenig würgt.“ ist natürlich für dich, die du völlig andere kulinarische Kreationen zubereitest, etwas unvorstellbar und verständlich abstrus …
    Wir sollten mal zusammen ein Käsebrot zubereiten und dann gemeinsam essen, o.k., kann es denn Kaffee zum Nachtisch geben? 😉
    Liebe Grüße,
    Sabine

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    1. Anne Winckler

      Liebe Sabine,
      das machen wir am nächsten Präsenzwochenende. Erst Käsebrot, dann Kaffee, oder auch umgekehrt, aber schön nacheinander, damit es kein Einheitskaffeekäsematsch wird……
      Liebe Grüße
      Anne

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  3. Ulrike

    Liebe Sabine,
    wenn das Licht der Laterne erlöscht (fragt sich nur, wer darüber die Macht besitzt), regieren die Schatten über die Welt und über den Protagonisten – der selbst sehr verwurzelt mit den menschlichen Dingen ist (Käsebrot und Kaffee). Er ruft den Mann im Mond herbei – nicht ohne Angst. Ich bin gespannt, was er sich von ihm wünscht bzw. erwartet.
    Herzliche Grüße
    Ulrike

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  4. Sabine Hinterberger

    Liebe Ulrike, ja, mit dem Bild der Laterne spiele ich in diesem Text sehr gerne und lasse mich auch da von den Figuren und ihren Ideen leiten …
    Ja, die Begegnung wird besonders und einmalig …:-)
    Liebe Grüße,
    Sabine

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