Der Mann im Mond V

Sie wusste, dass er es war, der da vor der Tür stand. Dieses Mal nutzte er sein Zeitfenster anders.
Seit seinem Weggehen hatte sich hier nichts verändert. Das, was sie gemeinsam leben wollten, war nie eingezogen und all die ungenutzten Möglichkeiten waren vor vielen Jahren mit ihm gegangen.
Sie schaute sich um. Im weiß gestrichenen Raum ihrer Wohnung stand nur ihr kleiner Schreibtisch, auf dem ein weißer Laptop. Daneben lagen ein Schreibheft und ein blauer Füller.
Der Rest des Raumes lag im Schatten der weißen Kerzen, die im Raum verteilt waren. In dem zweiten angrenzenden Raum, neben der winzigen Küche, war es ähnlich. Eine Matratze auf dem Boden, eine kleine Musikanlage, ihre Lieblingsbücher daneben in Stapeln aufgereiht, wie eine schützende Mauer und ein Kleiderschrank in der Ecke. Mehr brauchte sie nicht.
„Ich wusste, dass ich dich hier finde!“, sagte er, als sie ihm die Tür öffnete. „Mach es kurz!“ Sie drehte sich herum und ging zurück zum Schreibtisch. „Deine Muster sind sprunghaft.“ Wie sollten sie auch sonst sein, dachte sie leise und vergaß, dass er dieselben Fähigkeiten besaß wie sie.
„Ich wollte es dir immer erklären; ich war feige und habe die Sicherheit gewählt.“ „Du hattest deine Zeit, die ist längst vorüber. Aber vielleicht solltest du dich lieber um den kümmern, der dir zuliebe alles aufgegeben hat und dort auf dich wartet.“
„Ich bin nur deinetwegen hier!“
„Aber es geht nicht um uns“ Sie stockte kurz und suchte nach den Worten, die sie nicht aussprechen wollte, „Wir sind hier, um uns um eine andere Geschichte zu kümmern und nur das ist unsere Aufgabe, seit Anbeginn der Zeit, die du gerade aufs Spiel setzt.“
„Schau mich an!“ Seine Stimme war ein warmes Flüstern, das sie nur allzu gut kannte und sie verunsicherte. Sie riss sich von dem sie umschmeichelnden Klang seiner Stimme los.
„Nein!“
„Bitte. Bitte, schau mich an!“ Der Mann im Mond kam noch einen Schritt näher und blieb ganz dicht hinter ihr stehen.
Sie spürte ihn, seine Wärme, seine Kraft und vor allen Dingen seine Sprunghaftigkeit, die sie beim letzten Mal, als er den Zeitsprung mit ihr nicht wagte fast zugrunde gerichtet hätte. Als sie seine Hand auf ihrer Schulter spürte, wollte sie wieder an ihn glauben, wollte sie glauben, dass er hier war, um es dieses Mal besser zu machen, wider jede Vernunft.
Doch dann spürte sie, dass etwas nicht stimmte, dass etwas völlig aus dem Ruder lief, während sie hier an alte Zeiten anknüpfen wollten. Sie nahm seine Hand von ihrer Schulter und schaute auf das Display des Laptops.
„Das Licht der Laterne ist aus. Er hat sie ausgemacht.“ Sie schaute ihn fassungslos an. „Wie konnte er das nur? Wie …?“ Sie setzte sich.
„Vielleicht ist er der Eine und kann das weiterführen, was wir beide seit Anbeginn der Zeit bewahren!“
„Du solltest zu ihm!“, sagte sie und schaute ihn dabei nicht an. Sie fürchtete sich vor dem Ausdruck in seinen Augen und dass sie wieder kopflos in die Dunkelheit seiner Augen stürzen würde.
„Du solltest mich begleiten!“, sagte er und hielt ihr seine Hand hin.
„Ich habe diese Wohnung nicht mehr verlassen, seitdem du gegangen bist …“
„Dann wird es Zeit. Die Zeichen erzählen dir längst eine ganz andere Geschichte. Schau hin. Schau dich um. Schau mich an!“ Er ging in die Hocke und schaute sie direkt an.
Und nach all den Jahren erlaubte sie sich endlich ihn anzuschauen, sich ganz in seinem Blick zu verlieren und noch einmal an das zu glauben, was sie dort sehen und fühlen konnte.
„Kriegst du das hin?“ Sie deutete fragend auf den, der mit dem erloschenen Licht der Laterne dort auf der Bank auf ihn wartete.