Der Mann im Mond III

Foto: (c) evenliu photomanipulation – digital artwork III. Sie hatte ihn unbemerkt beobachtet, nicht erst seit heute. Das war gewissermaßen ihr Job. So wie andere an der Supermarktkasse, im Büro oder auf der Baustelle arbeiteten.  Ein Job den sie sich nicht ausgesucht hatte, genauso wenig wie ihn. Sie hatte nur das Muster in der Zeit erkannt. In seiner Lebenszeit. Immer wenn sie das Muster sah, wusste sie, dass etwas Entscheidendes in seinem Leben geschah. Nicht irgendein Lebensereignis, sondern eines, von dem die Menschen ehrfürchtig vom Schicksal flüsterten. Muster in der Zeit w a r e n das Schicksal, aber das konnten die Menschen in ihrer Begrenztheit nicht erkennen. Sie schon, denn sie war mit dieser Gabe geboren worden. Bei ihm wusste sie, dass es nicht einfach werden würde. Sein Muster war zu groß und zu unruhig. Eine von beiden Irritationen hätte schon genügt, doch beide machten die bereits schicksalhaft angespannte Situation noch verworrener, im wahrsten Sinn des Wortes. Seine Muster waren durcheinander und blieben verworren, nicht mehr geradlinig, wie es seinem Wesen entsprach. Das würde Probleme bereiten, deshalb war sie hier. Kein Muster in der Zeit hatte auf den Sturz des Mondes auf die Erde hingewiesen. Keine Vorzeichen, keine einmalige Zeichenänderung. Nichts. Absolut nichts. Und jetzt war der Mond mit dem Mann im Mond aus der Spur, die die Welt und die sie umgebenden Planeten im Gleichgewicht hielt. Zum Glück war das bisher noch niemandem auf der Erde aufgefallen, denn, wenn man ganz genau hinsah, dann sah man, dass der Mond schwächer leuchtete. Das lag an der Lampe vom Mann im Mond, die zwar auf den ersten Blick nichts abbekommen hatte, aber das stimmte nicht. Das sah sie im Muster ihrer Zeit. Dieser Sturz hatte sie verändert, den Mann im Mond, weil ihm die Lampe gehörte und den Mann, der mit seinem Hund, den Mann im Mond gesehen hatte und seit dieser Nacht auf ihn wartete. Und was tat er jetzt schon wieder. Sie verdrehte die Augen hinter dem Fernglas. Sie verstand diesen Mann einfach nicht. Er legte sich am helllichten Tag ins Bett und stellte sich dann den Wecker für die Nacht, wenn die ganze Welt aufwachte und den Tag begann. Für sie bedeutete das einen 24-Stunden-Tag. Kein Problem für sie, die keinen Schlaf brauchte, was nicht hieß, dass es sie nicht nervte. Er verschlief den Tag, an dem das Leben stattfand und wartete in der Nacht. Immer auf derselben Bank. Immer um dieselbe Uhrzeit. Von Punkt 21:30 Uhr bis 06:30 Uhr. Und, änderte das irgendetwas? Nein! Bisher hatte seine Hartnäckigkeit nur ihre und die Geduld seines Chefs aufgebraucht. Doch das Muster in der Zeit blieb unverändert. Sie hatte diesen Moment immer und immer wieder untersucht, durchleuchtet, neu justiert, den Timer um-, vor und nachgestellt, doch nichts half. Nicht einmal die Einführung von Zeitblasen, Zeitfenstern und Zeitsprüngen half. Sie war mit ihrem Zeitlatein am Ende. Da sah sie plötzlich eine minimale Veränderung auf dem Bildschirm. Sie sah noch einmal hin, weil sie es nicht glauben konnte. Ja, da am äußeren Rand seines Musters in der Zeit sah sie es kommen. „Hat der Mann im Mond jetzt völlig den Verstand verloren!“, schimpfte sie und tat das Einzige, was sie tun konnte und auch beim letzten Mal getan hatte. Sie sorgte dafür, dass die Wiese den Mond ein zweites Mal unbeschadet auffing. Die Lampe fiel neben ihn in das Gras. Als sie in das Gesicht des Mannes blickte, der seit sechs Monaten, drei Tagen und vier Stunden auf den Mann im Mond gewartet hatte, war sie für einen Moment lang verloren, denn, was sie dort sah, erinnerte sie an all das, an das sie auch einmal geglaubt hatte, bevor sie sich nur noch um die Muster in der Zeit kümmerte …