Der Mann im Mond II

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[…] Doch sein Plan bleibt bis zum heutigen Tag nur ein gedachter Plan in seinem Kopf, wo er nur gedacht und leider nicht gebraucht wird. Der Mond blieb einfach jede Nacht am Nachthimmel und fiel ihm nicht noch einmal vor die Füße. Es gab Nächte, da fragte er sich, ob er diese eine Nacht nur geträumt hatte.
Die Nächte übernahmen immer mehr sein Denken und Handeln. Mit jeder neuen Nacht gelangte er immer schwerer in den Tag und seine vertrauten Gewohnheiten zurück. Jede wache Minute in der Nacht kostete ihn ein Vielfaches an Minuten am Tag.
Am Tag fehlte ihm die Energie einer durchgeschlafenen Nacht. Immer mehr Stunden verschlief er am Tag, um in der Nacht wach und fit zu sein und den möglichen Sturz des Monds auf die Erde nicht zu verpassen
Er verlor zunehmend sein Zeitgefühl und verschlief zum allerersten Mal in seinem Leben. Das war vorher noch niemals vorgekommen. War er bisher jeden Morgen schon immer vor seinem Wecker wach, hörte er ihn jetzt nicht einmal mehr. Zusätzliche Wecker halfen nicht am nächsten Tag und auch nicht am nächsten und auch nicht am nächsten …
Erst nahm er seine Überstunden, dann Resturlaub und als auch der verbraucht war, folgte unbezahlter Urlaub und dann die fristlose Kündigung seines Chefs: „Ich erkenne Sie nicht wieder. Weil ich Sie so schätze, habe ich Sie bis heute hier gehalten. Mein zuverlässigster Mitarbeiter, auf den ich mich in den letzten zehn Jahren immer verlassen konnte, ist zu einer Zumutung und Belastung für unser Unternehmen geworden. Wie sehen Sie überhaupt wieder aus? Mensch, lassen Sie sich doch nicht so gehen!“
Er verließ wortlos das Büro seines Chefs, räumte seinen Schreibtisch aus und packte alles in eine Kiste. Zuhause angekommen, stellte er die Kiste und sein Leben der letzten zehn Jahre in die Abstellkammer. Er zog seinen grau-weiß gestreiften Anzug aus, hängte ihn ordentlich auf einen Bügel und dann an den Haken der Tür zur Abstellkammer. Er strich noch einmal über den etwas zerknitterten Stoff.
Er, der in seinem Leben bisher alles unter Kontrolle hatte, verlor die Kontrolle und die Ordnung seines geregelten und überschaubaren Tages. Sein Tag verschwand wie sein Hund zusehends in der Nacht und kam aus dieser nicht mehr zurück.
Er bereitete die Kaffeemaschine und seine Butterbrotdose vor. Er ließ die Jalousien herunter und legte sich ins Bett. Den Wecker stellte er aus alter Gewohnheit. Nur die Uhrzeit war eine andere. 23:52 Uhr. Der Mondkalender ersetzte fortan die Bürozeiten.