„Der ist doch nicht ganz richtig!“

„Der ist doch nicht ganz richtig!“, flüsterten sie hinter seinem Rücken und tippten dabei mit einem Finger an ihren Kopf. Entweder an die Stirn oder rechts oder links an die Schläfe. Sie meinten alle das Eine. Niemand musste ihm das sagen, das spürte er auch so. Das hatte er schon immer gespürt, wenn er unter Menschen war. Er fühlte sich nicht wohl mit ihnen und sie sich nicht mit ihm. Er mied sie soweit es ging und es ihm möglich war. Und sie taten es ihm gleich. Sie hänselten ihn nicht einmal mehr, denn das würde bedeuten, sie würden ihn als einen der ihren erkennen. Das taten sie längst nicht mehr. Er gehörte nicht zu ihnen und deshalb war er Luft für sie. So bewegte er sich unsichtbar unter ihnen. Er, der nicht war wie sie, lebte ungesehen, unerhört zwischen ihnen.

„Ich bin nicht ganz richtig!“, murmelte er leise vor sich hin. Niemand hörte sein Flüstern. Nur manchmal zeigte ein Kind auf ihn, wollte zu ihm und seinem blauen Luftballon, doch das Kind wurde schnell zurückgezogen in eine Welt, die nur richtig war für die, die richtig in ihr lebten.

Er kam vor vielen Jahrzehnten mit den ersten Rauhnächten auf die Insel, wenn sich auch tagsüber ein Dunstschleier über die Insel legte. Ganz leicht nur. Anfangs völlig unbemerkt von den Menschen, die da lebten. Er kam nicht allein. Andere begleiteten ihn, waren sie doch Gäste, die sich den Gegebenheiten anpassten. Doch das war vielen seiner Art leider nicht genug. Sie wollten mehr. Sie schwärmten den Inselbewohnern und den Menschen zuhause von der Insel vor, dem Strand, dem Meer, den Dünen, den Menschen, der Luft und und und …

Immer mehr kamen so in den Rauhnächten auf die Insel. Bald reichten die zwölf Tage im Jahr nicht mehr aus und es wurden immer mehr Fähren eingesetzt, die die Menschen bald das ganze Jahr über auf die Insel übersetzten und aus angepassten Gästen, die das Besondere suchten, wurden solche, die ihr bequemes Zuhause gerne auf der Insel haben wollten.
Die Insel veränderte sich immer mehr. Ihre Inselbewohner nicht, zumindest versuchten sie das. Er veränderte sich auch nicht, doch das bemerkte kaum jemand, weil niemand mehr hinsah und sah, was wirklich passierte.
Auch die Gäste veränderten sich. Ihre Ansprüche und Wünsche wuchsen ins Unermessliche und in diesem Jahr war ihm das einfach zu viel geworden. Er verstärkte die Dunstschleier auch am Tag und ließ einen nach dem anderen verschwinden. All die, die nicht hierherkamen, um die Einmaligkeit der Insel zu bestaunen und zu genießen, die verschwanden tagsüber in den Dunstschleiern der Rauhnächte.
Einfach so.
„Das ist doch Seemansgarn, oder?“, fragte sie ihn, als sie ihn auf der Bank am Wasser sitzen sah und im ersten Moment fast übersehen hätte.
„Ney!“, sagte er und dann auch nichts mehr.
Sie setzte sich neben ihn und schaute zu, wie die Menschen verschwanden.
„Lässt du sie alle verschwinden?“, fragte sie.
„Ney!“, antwortete er, stand auf, setzte sich aufs Fahrrad und fuhr den schmalen Weg durch die Dünen.
Sie sah ihm noch lange hinterher.